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Schattenspieler live @ Hammerstein Metal Feast 27.06.2009

Hammerstein, Wuppertal

Eine Sternstunde des Darkrock in Wuppertal

u.a. mit Contradiction, Mortal Remains, Seeds of Bophomet

Hallo Freunde und Jünger des Darkrocks,

 

Es gibt Konzerte, die man nicht vergißt - egal, was über die Jahre so um einen herum passiert. Langenberg 2004 war sicherlich eines davon, sowie das Feuertal 2006 oder Wülfrath Open Air 2008. Genauso wie die eben erwähnten unvergesslich guten Konzerte wird mir das Hammerstein Metal Feast 2009 ewig im Gedächtnis bleiben.

 

Dabei fing alles so scheiße an: noch bevor ich Wülfrath verlasen hatte, goß es bereits in Strömen. Meine Stimme war ein heilloses Durcheinander und die durch Schlaflosigkeit hervorgerufene Müdigkeit ließ sich ebenfalls nicht vertreiben. Alles in allem hätte es eigentlich ein Scheißtag werden müssen.

 

Es wurde auch kein Stück besser, als wir dann schließlich ankamen - oh sicher war es schön, die Kollegen von Mortal Remains und The Mystery zu begrüßen, aber das stundenlange auf- und abgehen, während die Bühne (wegen des Regens viel zu spät) aufgebaut wurde, ging mir ebenso auf den Sack wie die Tatsache, dass es währenddessen erneut zu Schütten begann, woraufhin sich alle mich umgebenden Musiker ob der Pfützen, die sich auf den Brettern bildeten, besorgt zeigten und verständlicherweise niemand bereit war, seine Brocken auf eine Wasserdurchlässige Bühne zu stellen.

 

Ein kurzer, zweistündiger Trip nach Hause zum Umziehen machte das Ganze nicht besser. Es war unmöglich, für auch nur eine halbe Stunde einzuschlafen, also wälzte man sich hin und her, ging noch einmal Lyrics im Kopfe durch und konsultierte schließlich frustriert iTunes.

 

Zurück am Set konnte ich immerhin The Mystery erleben - das heißt, ich hätte gekonnt, wäre ich nicht ständig im Kopf meine Texte durchgegangen, was zu “Soulcatcher“, “Vengeance“ und “Heaven at War“ gar nicht so einfach war - zumal ich alle drei Sekunden von gefühlten 200 Millionen Menschen angesprochen wurde, wann denn die neue CD kommen würde, wann genau wir auftreten und ob es wahr sei, daß meine Stimme nun endgültig dem Alkohol zum Opfer gefallen sei... - lasst euch sagen: an diesem Punkt hätte selbst Heroin mich nicht mehr entspannen können.

 

Contradiction, das Bißchen, was ich mitbekam, sagte mir zu, ich hatte aber auch gewaltige Angst, daß wir das nicht mehr würden toppen können, zumal sich der Zeitgeber schon wieder von Mitternacht zu entfernen begann. Ungefähr zwei Minuten vor dem sich anbahnenden Nervenzusammenbruch betraten meine tapferen Mitstreiter die Bretter, die die Welt bedeuten, ich begab mich - in Ermanglung eines echten Backstagebereiches - hinter die Bühne und begann, verwirrt, Mönchsgesänge á la „Benedicamus Domino“ zu trällern, da mir spontan alle selbstgeschriebenen Texte entfallen waren.

 

Manchmal ist es nicht einfach, in einer Band zu spielen, die ihr eigenes In-Ear-System mitbringt - ein Soundcheck kann sich, gerade, wenn man nervös ist, wie Gummi ziehen. Auf- und abhüpfend bellte ich immer wieder richtung Bühne: „WIE LANG DAS DAUERT!“ und „KÖNNEN WIR DANN?“ - zu allem Überfluß steht auf einmal irgend ein Metaller an meinem Mikrofon - nein, nicht, um den Sound abzunehmen, wie ich gehofft hatte, sondern um zu verkünden, daß er gerade von Neonazis angemacht wurde, zahlenmäßig unterlegen zu sein und nun neue Rekruten für seinen Rachefeldzug suche. Alles natürlich im Namen des Heavy Metal.

 

Während ich persönlich kein unbedingter Gegner von Aufrufen zur Gewalt gegen (vor allem geistigen) Minderheiten bin, da ich prinzipiell zu Argwohn neige, wenn ein Tag vergeht, an dem meine Gattung nicht versucht, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, kann ich persönliche, politische Statements von Bühnen auf Rockkonzerten nicht ab. Punkt. Mir ist egal, ob jemand gegen Frauen, Linksradikale, Behinderte oder Nazis hetzt, mir ist egal, ob er es auf ’höheren’ Beweggründen wie ethischer oder theistischer Überzeugung, oder ’niederen’ Beweggründen, wie “Die haben mir wehgetan!“ tut. Wenn er es von meine Bühne aus tut, habe ich etwas dagegen.

 

Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn Gudrun Haaga nicht irgendwann meine Misere erkannt und mich kurzerhand mit magischen Fingern einer Generalüberholung unterzogen hätte, die mich meine Umwelt für einen Augenblick vergessen ließ, aber es ist auch nicht wichtig. All meine Zweifel waren wie nie dagewesen, als ich zu „Wo ist der Weg“ die Bühne betrat.

 

Ich will euch nicht vorenthalten, daß ich am Anfang vor allem damit Schwierigkeiten hatte, mir meine Schwierigkeiten mit der Stimme nicht anmerken zu lassen. Wenn ich meine Stimme morgens um halb eins zu Höhenflügen ansporne, bin ich gewöhnlich besoffen - ein Luxus, den ich mir ja bis dato den ganzen Abend im Gegensatz zu euch nicht leisten konnte (was nicht unbedingt zu meiner Erheiterung beitrug!!!).

 

Wenn man Maitre glauben darf, so hat er durch seine Pussystöpsel (das sind Hörgeräte für altersschwache Musiker) mehr von euch mitgekriegt als von mir - und das obwohl eben erwähntes In-Ear-Monitoring schalldicht isoliert ist. Für mich hatte das Feuer, mit dem ihr vor der Bühne bis zur letzten Sekunde gebrannt habt in etwa die Wirkung einer Adrenalinspritze ins Herz.

 

Von Scheiß-Job auf Rockstar-Gig in 8,5 Sekunden - mir war völlig egal, ob ich nach den ersten drei Songs die Stimme verlieren würde, hier war ’alles geben’ Tugend und Pflicht. Natürlich blieb auch die Südstaaten-Bandana nicht - wie geplant - lange auf meinem Kopf, sondern musste fliegendem Resthaar weichen, als nach drei Songs “The Last Stand“ eingeläutet wurde.

 

Die fünf mich umgebenden Musiker waren durchaus in der Lage, jedem Wuppertaler, der es hören wollte, zu beweisen, wieviel Schattenspieler seit dem Feuertal an Qualität zugelegt hatten - Von einem grandiosen Keyboard-Solo bis hin zum “besten Live-Drummer, den ich je gesehen habe“ (quote: Stevie), gab es nichts, was uns auch nur im Entferntesten hinter einen unserer Kollegen gestellt hätte - die trotz der späten Stunde anwesenden lautstarken Massen konnten dies eindrucksvoll unter Beweis stellen.

 

Vor allem aber gab es - und ich gebe mein anerkennendes Staunen gerne zu - als wir unsere dicken haarigen Eier auf den Tisch zu legen und ein Thrash-verwöhntes Publikum mit einer Ballade zu vergraulen beliebten, weder pickelgesichtige 15-Jährige mit “meine Mutti ist viel härter als Deine“-Syndrom, noch beleidigte 20-Jährige mit 30-Jährigen Kutten, die ihre Authentizität mit der These unter Beweis stellen mussten, dass es in den trven 80ern gar keine Balladen gab - Respekt, Wuppertal. Was wir an Eiern auf den Tisch legten, kam im 20-Kilo-Familienpack zurück: Noch nie wurde eine Schattenspieler-Ballade so geil abgefeiert, wie am 27.06.09!

 

Nach „Let Me Go“ wurde mir dann ins Ohr geraunt, dass wir nur noch einen Song würden spielen können - natürlich “Am Ende unseres Wegs“. - Dann war Feierabend.

 

Der Weg von der Bühne wurde von ’Zugabe’-Rufen in einer Lautstärke begleitet, die mich eigentlich, hätte ich eine Wahl gehabt, auf den Versen hätte umdrehen lassen. Ihr hattet uns ungefähr beim zehnten “Zugabe!“-Ruf, aber es war die Tatsache, daß der Sprechchor auch nach Minuten nicht abbrechen wollte, der mir das Herz brach. Ich denke, ich spreche hier für jeden Schattenspieler, wenn ich sage, daß, wenn wir die Wahl gehabt hätten, wir ohne zu zögern zwei bis drei Zugaben gegeben hätten - leider ließ es der Zeitplan nicht mehr zu, hatten wir doch schon anderthalb Stunden zu spät die Bühne betreten.

 

Laßt euch sagen, Freunde, daß es uns eine Ehre war, für euch zu spielen, daß wir es jederzeit wieder tun werden und daß ihr, wenn ihr uns am 21.08.2009 auf unserem CD-Release-Gig beehrt, jedwede eingeforderte Zugabe bedingungslos erhalten werdet.

 

Wir verneigen uns vor euch - bleibt, wie ihr seid.

 

Dave und der Rest der Bande